9. Dezember 2006
Kittola-San geht zur Punk Rock-Show
Unglaublich! Ich bin gerade drei Tage in Tokio und stelle beim Durchblättern des englischsprachigen Stadtmagazins METROPOLIS fest, dass übermorgen meine Lieblingsband – die Foo Fighters – in eben dieser Stadt aufspielen werden. Am nächsten Tag gelingt es mir dann tatsächlich, eine Eintrittskarte zu erwerben. Der freundliche Ticketvorverkäufer an der SHINJUKU Station will dafür übrigens etwa EUR 50 haben. Er macht mich darauf aufmerksam, dass es sich bei den wenigen Restkarten nur noch um Sitzplatzkarten handelt. Mist! Bekanntlich ist Sitzen für’n Arsch. Aber was soll’s, wenn’s die Lieblingsband ist.
Am nächsten Tag mache ich mich gegen 18.00 Uhr auf den Weg zum Veranstaltungsort – der NIPPON BUDO-KAN. Dies ist die altehrwürdige Sporthalle, die anlässlich der Olympischen Spiele 1964 für die Austragung der Kampfsportarten errichtet wurde. Die Halle liegt direkt neben dem Kaiserpalast. Auf den letzten Metern folge ich dem Strom der Leute, die offensichtlich auch Konzertbesucher sind. So passiere ich zwei wuchtige Tore aus schweren Holzbohlen, die zunächst einen Innenhof und schließlich die BUDO-KAN freigeben. Aller Nase lang weisen einem die Ordner mithilfe ihrer Megaphone den Weg, obwohl der sonnenklar ist. Plötzlich stehe ich vor der Garderobe, wohlgemerkt vor der Halle. Hier werden die lästigen Jacken der Besucher flugs in Müllsäcke gesteckt, mit einem Etikett versehen und auf Regale unter freiem Himmel gepackt. ‚Nette Idee’ meine ich und behalte meine Jacke an.
Ich lasse die Eintrittskarte abreißen. Eine Taschenkontrolle oder Leibesvisitation erfolgt bei niemandem, wie ich sehen kann. Die Entzifferung der Details auf meiner Karte gelingt mir nicht. Ich halte sie den zahlreichen Ordnern im Innenraum vor die Nase und lasse mich schließlich von einem netten jungen Herrn in Anzug mit Armbinde mithilfe seiner Taschenlampe auf meinen Platz SE-K-49 geleiten. So finde ich mich auf der zweiten Empore der Halle wieder. Von hier oben hat man einen großartigen Blick! Ich kann die Bühne sehr gut einsehen. Unten im kleinen Innenraum befindet sich vor der Bühne der Stehplatzbereich. Dieser ist in neun Sektoren aufgeteilt, die mit Zäunen sauber voneinander getrennt sind. Aus Sicherheitsgründen ist diese Vorkehrung wohl durchaus sinnvoll, dennoch bekomme ich bei diesem Anblick meine Gedanken an Schlachtvieh nicht los.
Von der hoch gewölbten Hallendecke hängt eine riesige Japanflagge. Der Blick auf die Hallenuhr erfüllt mich mit Genugtuung: es ist 18.50 Uhr, ich bin pünktlich. Konzertbeginn ist für 19.00 Uhr angegeben. Pünktlichkeit ist eine der allerwichtigsten Tugenden in Japan, das habe ich schon gelernt. Neben mir nimmt ein Jungspund im Anzug Platz. Telefonierend verschwindet er gleich wieder und kehrt kurz darauf mit einer Büromaus zurück. Diese zaubert aus ihrer Handtasche eine Dose Kaffee hervor. Stimmt, in den Gängen standen, wie alle zehn Meter in Tokio, Getränkeautomaten. ‚Welch großartiges Wurfgeschoss’ denke ich beim Blick auf die Dose. Solch kranke Ideen scheint hier aber außer mir niemand zu haben. Aus den Lautsprechern, die ihrem Namen bislang nicht im geringsten gerecht werden, kann ich bei aufmerksamem Hinhören Lemmys Stimme vernehmen. Hätte nie gedacht, dass man Motörhead so leise spielen kann.
19.00 Uhr erfolgt eine minutenlange Ansage. Meine geringen Sprachkenntnisse lassen mich verstehen, dass es sich um Hinweise und Bitten handelt, die in dieser besonderen japanischen Höflichkeitssprache vorgetragen werden. Wohlgemerkt – wir befinden uns auf einem Rockkonzert. 19.05 Uhr erklärt die piepsige Stimme aus dem Lautsprecher etwas, das die Menge jubilieren lässt. Und schau an, 19.08 Uhr betreten die Foo Fighters die Bühne!
Mit „All my Life“ gehen sie gleich richtig in die vollen. Die Menge jubelt und es passiert, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte – alle Leute auf den Sitzplätzen stehen auf! Na bitte! Das ganze Konzert lang wird nun jeder brav an seinem Sitz stehen bleiben und sich, so gut es geht, dabei rhythmisch zur Musik bewegen. Das sieht besonders bei den Japanerinnen mitunter putzig aus, wie sie so dastehen und die Arme an den Seiten baumelnd im Takt leicht einknicksen.
Dave Grohl, der Frontmann, macht ordentlich Betrieb. Darüber hinaus scheint er sich ausgezeichnet auf seinen Auftritt vorbereitet zu haben – er verbeugt sich bei der Begrüßung tief und sagt „Arigato“ fürs Kommen der Leute. Das finden diese super. Dann erzählt er eine Geschichte zum letzten Foo Fighters-Auftritt in Tokio im Jahre 1998. Damals haben sie leider nur sechs Lieder spielen können, weil Grohl kotzübel war. Er beschreibt sein Leiden in einfachen Worten und sehr bildhaft. Die Menge amüsiert sich köstlich. Dann entschuldigt er sich dafür in aller Form, was nun auch die Letzten verzückt. Fortan kann er das Publikum um den Finger wickeln.
Der Drummer der Band, Taylor Hawkins bekommt mit einem Solo einen besonderen Auftritt. Im Land der Trommler, dazu in dieser Halle keine schlechte Sache für einen Schlagzeuger. Nach diesem Solo „gesteht“ Dave Grohl seine Liebe zu Taylor. Seine Huldigungen wollen gar kein Ende nehmen. Jede Aussage kommt pelziger als die vorherige, doch die Leute räumen sich weg. Haha.
Dann wird zum Glück wieder richtig Dampf gemacht. Mich hält es kaum noch an meinem Platz. Bei „Monkey Wrench“, dem Titel, der seinerzeit meine Begeisterung für die Foo Fighters weckte, blicke ich neidisch auf den Pogo, der sich nun endlich dort unten in der zentralen Box vor der Bühne entwickelt hat. Bislang standen die Leute eher nur dichtgedrängt und damit nicht anders als in der U-Bahn. Immer wieder purzelt jetzt einer vorn über den Zaun vor die Bühne. Von dort wird er von den dienstbeflissenen Sicherheitsbeamten im Laufschritt unter Einsatz ihrer Taschenlampen außen um alle Sektoren herum wieder nach hinten zum Eingang „seiner“ Box geleitet und gegen Vorzeigen der Eintrittskarte dort wieder hineingelassen.
Nach ein einviertel Stunden verabschiedet sich die Band, nachdem sie versprochen hat, bald wiederzukommen. Drei Minuten später ist sie in der Tat wieder da, für eine Zugabe. Sie beginnt mit einer blöden „Call and Response“-Übung. „I don’t think that the people on the left side can be really loud.” Wäre hätte das gedacht – die Angesprochenen wollen unbedingt das Gegenteil beweisen. So geht das dann ringsum in der Halle für ein paar Minuten. Ich bin angenervt, die Japaner feiern ab. Zum Glück wird dann unter anderem noch die großartige Nummer „Hey, Johnny Park!“ gebracht. Ein letztes Mal schüttelt Dave Grohl seine Mähne. Schließlich ist dieses für mich sehr eindrucksvolle Konzert zu Ende. Ich blicke auf die Uhr, es ist 20.37 Uhr. Ich setze mich erst mal hin. Lange verweilen kann ich allerdings nicht, denn ein Ordner macht mir gegen 20.39 Uhr klar, dass ich mich doch bitte verkrümeln soll. Ich kann dann sogar einen Grund für sein Drängen erkennen – die Leute auf den Stehplätzen werden solange zurückgehalten, bis alle anderen Plätze geräumt sind, damit das Verlassen der Halle auch ja geordnet abläuft. Artig strömen alle nach draußen. Jede Menge Ordner weisen den sich selbst erklärenden Weg. Ich blicke auf meine Uhr und frage mich, was ich mit dem frühen Abend noch machen soll. Um diese Zeit bin ich in Deutschland noch nicht mal zu einem Konzert aufgebrochen. Aber der Staat sorgt sich in Japan halt um seine Bürger und lenkt daher nicht ganz selbstlos mancherlei Freizeitgestaltung, so unter anderem durch Festlegung einer frühen Uhrzeit für den Beginn des Foo Fighters-Konzertes. Einige Besucher haben sicher noch einen beträchtlichen Heimweg vor sich. Wer rechtzeitig zu Hause ist und genügend schläft, kann am nächsten Tag konzentriert arbeiten und so das Bruttosozialprodukt steigern. Rock ‘n Roll!
Auf dem Nachhauseweg denke ich darüber nach, wie gut es Dave Grohl doch verstand, sich auf sein Publikum einzustellen. Eine großartige Vorstellung in einem Land, in dem Rockmusik ein Schattendasein zu führen scheint. Angesichts dessen habe ich „My Hero“ auch schnell die wenig coolen Ansagen verziehen.
Am nächsten Tag mache ich mich gegen 18.00 Uhr auf den Weg zum Veranstaltungsort – der NIPPON BUDO-KAN. Dies ist die altehrwürdige Sporthalle, die anlässlich der Olympischen Spiele 1964 für die Austragung der Kampfsportarten errichtet wurde. Die Halle liegt direkt neben dem Kaiserpalast. Auf den letzten Metern folge ich dem Strom der Leute, die offensichtlich auch Konzertbesucher sind. So passiere ich zwei wuchtige Tore aus schweren Holzbohlen, die zunächst einen Innenhof und schließlich die BUDO-KAN freigeben. Aller Nase lang weisen einem die Ordner mithilfe ihrer Megaphone den Weg, obwohl der sonnenklar ist. Plötzlich stehe ich vor der Garderobe, wohlgemerkt vor der Halle. Hier werden die lästigen Jacken der Besucher flugs in Müllsäcke gesteckt, mit einem Etikett versehen und auf Regale unter freiem Himmel gepackt. ‚Nette Idee’ meine ich und behalte meine Jacke an.
Ich lasse die Eintrittskarte abreißen. Eine Taschenkontrolle oder Leibesvisitation erfolgt bei niemandem, wie ich sehen kann. Die Entzifferung der Details auf meiner Karte gelingt mir nicht. Ich halte sie den zahlreichen Ordnern im Innenraum vor die Nase und lasse mich schließlich von einem netten jungen Herrn in Anzug mit Armbinde mithilfe seiner Taschenlampe auf meinen Platz SE-K-49 geleiten. So finde ich mich auf der zweiten Empore der Halle wieder. Von hier oben hat man einen großartigen Blick! Ich kann die Bühne sehr gut einsehen. Unten im kleinen Innenraum befindet sich vor der Bühne der Stehplatzbereich. Dieser ist in neun Sektoren aufgeteilt, die mit Zäunen sauber voneinander getrennt sind. Aus Sicherheitsgründen ist diese Vorkehrung wohl durchaus sinnvoll, dennoch bekomme ich bei diesem Anblick meine Gedanken an Schlachtvieh nicht los.
Von der hoch gewölbten Hallendecke hängt eine riesige Japanflagge. Der Blick auf die Hallenuhr erfüllt mich mit Genugtuung: es ist 18.50 Uhr, ich bin pünktlich. Konzertbeginn ist für 19.00 Uhr angegeben. Pünktlichkeit ist eine der allerwichtigsten Tugenden in Japan, das habe ich schon gelernt. Neben mir nimmt ein Jungspund im Anzug Platz. Telefonierend verschwindet er gleich wieder und kehrt kurz darauf mit einer Büromaus zurück. Diese zaubert aus ihrer Handtasche eine Dose Kaffee hervor. Stimmt, in den Gängen standen, wie alle zehn Meter in Tokio, Getränkeautomaten. ‚Welch großartiges Wurfgeschoss’ denke ich beim Blick auf die Dose. Solch kranke Ideen scheint hier aber außer mir niemand zu haben. Aus den Lautsprechern, die ihrem Namen bislang nicht im geringsten gerecht werden, kann ich bei aufmerksamem Hinhören Lemmys Stimme vernehmen. Hätte nie gedacht, dass man Motörhead so leise spielen kann.
19.00 Uhr erfolgt eine minutenlange Ansage. Meine geringen Sprachkenntnisse lassen mich verstehen, dass es sich um Hinweise und Bitten handelt, die in dieser besonderen japanischen Höflichkeitssprache vorgetragen werden. Wohlgemerkt – wir befinden uns auf einem Rockkonzert. 19.05 Uhr erklärt die piepsige Stimme aus dem Lautsprecher etwas, das die Menge jubilieren lässt. Und schau an, 19.08 Uhr betreten die Foo Fighters die Bühne!
Mit „All my Life“ gehen sie gleich richtig in die vollen. Die Menge jubelt und es passiert, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte – alle Leute auf den Sitzplätzen stehen auf! Na bitte! Das ganze Konzert lang wird nun jeder brav an seinem Sitz stehen bleiben und sich, so gut es geht, dabei rhythmisch zur Musik bewegen. Das sieht besonders bei den Japanerinnen mitunter putzig aus, wie sie so dastehen und die Arme an den Seiten baumelnd im Takt leicht einknicksen.
Dave Grohl, der Frontmann, macht ordentlich Betrieb. Darüber hinaus scheint er sich ausgezeichnet auf seinen Auftritt vorbereitet zu haben – er verbeugt sich bei der Begrüßung tief und sagt „Arigato“ fürs Kommen der Leute. Das finden diese super. Dann erzählt er eine Geschichte zum letzten Foo Fighters-Auftritt in Tokio im Jahre 1998. Damals haben sie leider nur sechs Lieder spielen können, weil Grohl kotzübel war. Er beschreibt sein Leiden in einfachen Worten und sehr bildhaft. Die Menge amüsiert sich köstlich. Dann entschuldigt er sich dafür in aller Form, was nun auch die Letzten verzückt. Fortan kann er das Publikum um den Finger wickeln.
Der Drummer der Band, Taylor Hawkins bekommt mit einem Solo einen besonderen Auftritt. Im Land der Trommler, dazu in dieser Halle keine schlechte Sache für einen Schlagzeuger. Nach diesem Solo „gesteht“ Dave Grohl seine Liebe zu Taylor. Seine Huldigungen wollen gar kein Ende nehmen. Jede Aussage kommt pelziger als die vorherige, doch die Leute räumen sich weg. Haha.
Dann wird zum Glück wieder richtig Dampf gemacht. Mich hält es kaum noch an meinem Platz. Bei „Monkey Wrench“, dem Titel, der seinerzeit meine Begeisterung für die Foo Fighters weckte, blicke ich neidisch auf den Pogo, der sich nun endlich dort unten in der zentralen Box vor der Bühne entwickelt hat. Bislang standen die Leute eher nur dichtgedrängt und damit nicht anders als in der U-Bahn. Immer wieder purzelt jetzt einer vorn über den Zaun vor die Bühne. Von dort wird er von den dienstbeflissenen Sicherheitsbeamten im Laufschritt unter Einsatz ihrer Taschenlampen außen um alle Sektoren herum wieder nach hinten zum Eingang „seiner“ Box geleitet und gegen Vorzeigen der Eintrittskarte dort wieder hineingelassen.
Nach ein einviertel Stunden verabschiedet sich die Band, nachdem sie versprochen hat, bald wiederzukommen. Drei Minuten später ist sie in der Tat wieder da, für eine Zugabe. Sie beginnt mit einer blöden „Call and Response“-Übung. „I don’t think that the people on the left side can be really loud.” Wäre hätte das gedacht – die Angesprochenen wollen unbedingt das Gegenteil beweisen. So geht das dann ringsum in der Halle für ein paar Minuten. Ich bin angenervt, die Japaner feiern ab. Zum Glück wird dann unter anderem noch die großartige Nummer „Hey, Johnny Park!“ gebracht. Ein letztes Mal schüttelt Dave Grohl seine Mähne. Schließlich ist dieses für mich sehr eindrucksvolle Konzert zu Ende. Ich blicke auf die Uhr, es ist 20.37 Uhr. Ich setze mich erst mal hin. Lange verweilen kann ich allerdings nicht, denn ein Ordner macht mir gegen 20.39 Uhr klar, dass ich mich doch bitte verkrümeln soll. Ich kann dann sogar einen Grund für sein Drängen erkennen – die Leute auf den Stehplätzen werden solange zurückgehalten, bis alle anderen Plätze geräumt sind, damit das Verlassen der Halle auch ja geordnet abläuft. Artig strömen alle nach draußen. Jede Menge Ordner weisen den sich selbst erklärenden Weg. Ich blicke auf meine Uhr und frage mich, was ich mit dem frühen Abend noch machen soll. Um diese Zeit bin ich in Deutschland noch nicht mal zu einem Konzert aufgebrochen. Aber der Staat sorgt sich in Japan halt um seine Bürger und lenkt daher nicht ganz selbstlos mancherlei Freizeitgestaltung, so unter anderem durch Festlegung einer frühen Uhrzeit für den Beginn des Foo Fighters-Konzertes. Einige Besucher haben sicher noch einen beträchtlichen Heimweg vor sich. Wer rechtzeitig zu Hause ist und genügend schläft, kann am nächsten Tag konzentriert arbeiten und so das Bruttosozialprodukt steigern. Rock ‘n Roll!
Auf dem Nachhauseweg denke ich darüber nach, wie gut es Dave Grohl doch verstand, sich auf sein Publikum einzustellen. Eine großartige Vorstellung in einem Land, in dem Rockmusik ein Schattendasein zu führen scheint. Angesichts dessen habe ich „My Hero“ auch schnell die wenig coolen Ansagen verziehen.
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